Judgment [Remastered Edition]



  • Die volle Macht der Dragon Engine.


    Vor diesem Test trafen in meinem Gamer-Hirn zwei Gedankenwelten aufeinander. Einerseits vergöttere ich das Ryu Ga Gotoku Studio, importiere mir sogar stets brav die japanische Erstveröffentlichung, um die Entwickler zu unterstützen und gleichzeitig eine auf die umfangreiche Lokalisierung zurückzuführende, langwierige Wartezeit zu umgehen.


    Andererseits befürchtete ich hinter der angekündigten Remastered-Edition des knapp zweieinhalb Jahre alten Action-Thrillers Judgment den heimtückischen Versuch, in der Anfangsphase des neuen Konsolenzyklus mit minimalem Entwicklungsaufwand ein wenig Geld in die Kasse zu spülen. Eine Sorge, die durch das Fehlen einer kostenlosen Upgrade-Möglichkeit für Vorbesitzer nur verstärkt wurde.


    Voller Vertrauen blendete ich diese Bedenken jedoch aus und stattete dem aufgehübschten Kamurochô nach Yakuza: Like a Dragon einen weiteren Next-Gen-Besuch ab. Und durfte schnell feststellen, dass mich das Ryu Ga Gotoku Studio auch dieses Mal wieder nicht enttäuscht hatte.


    [Externes Medium: https://youtu.be/CL3WnNJOdOo]


    Geglücktes Spin-Off-Experiment


    Bevor ich mich aber der Remastered-Edition widme, möchte ich euch kurz abholen und näher erläutern, weshalb ich mich auf diesen Test im Vorfeld ganz besonders gefreut hatte.


    Seit der japanischen Erstveröffentlichung von Judgment, mit dem das renommierte Ryû Ga Gotoku Studio ihre Yakuza-Komfortzone verließ und der gefeierten Reihe ein ambitioniertes Spin-Off spendierte, Ende Dezember 2018 sind mittlerweile über zwei Jahre vergangen – und dennoch bekomme ich das packende Abenteuer rund um den Ex-Anwalt, nun schlagkräftigen Detektiv Takayuki Yagami kaum aus meinem Gamer-Kopf.


    Kein Wunder, konnte mich die Rückkehr nach Kamurochô trotz neuem Protagonisten doch vollends begeistern und beim damaligen Test folgende wohl verdiente Lorbeeren einheimsen:


    Judgment vereint zahlreiche Stärken der namhaften Yakuza-Reihe in einem rundum gelungenen Action-Adventure und erfreut mit einer packenden, wendungsreichen Handlung, zahlreichen Gameplay-Elementen sowie einem stattlichen Umfang Fans sowie Neueinsteiger zugleich.“


    Nun könnte ich abermals ausschweifend über die grandiose Story, die facettenreihe Charakterriege oder das variantenreiche Gameplay schreiben und mich dabei in niemals enden wollenden Essays verlieren, verweise alle Interessenten für einen ausführlichen Blick in die Welt von Judgment jedoch lieber auf meinen Test aus dem Jahr 2018.



    Unveränderter Kamurochô-Alltag


    Tatsächlich hätte ich an dieser Stelle sogar fast gänzlich auf Copy & Paste setzen und mit geringfügigen Anpassungen direkt eine Review für die Remastered-Edition von Judgment herbeizaubern können: Spielerische Anpassungen oder gar Neuerungen sucht man bei der PS5-, Xbox Series X|S- und Stadia-Variante nämlich vergebens.


    Als Privatdetektiv Yagami erkunde ich den aus der Yakuza-Reihe bekannten, fiktionalen Tokioter Stadtteil Kamurochô und werde dabei auch in puncto Gameplay an die namhafte Videospielserie erinnert. Den zahlreichen roten Fäden der ausgezeichneten Haupthandlung folgend besuche ich auf der Suche nach neuen Anhaltspunkten also verschiedene Örtlichkeiten, zwinge angriffslustige Widersacher mit variantenreichen Nahkampfmanövern in die Knie und lasse mich von oftmals humorvollen Nebenmissionen, rasanten Drohnenrennen oder Abstechern in die Arcade-Halle viel zu leicht ablenken.


    Dass sich das Ganze allerdings nicht wie eine hauseigene Billigkopie anfühlt, ist Yagamis selbstgewählter Profession zu verdanken. Um der Wahrheit hinter kleinen und großen Fällen auf die Spur zu kommen, durchsuche ich Tatorte nach Beweisen, hefte mich einer Zielperson ungesehen an die Fersen oder infiltriere bewachte Gebäude mithilfe einer passenden Tarnung.


    Auch gut drei Jahre nach der Erstveröffentlichung funktioniert dieser Gameplay-Mix hervorragend und garantiert auflockernde Abwechslung. Leider verpasst es die Remastered-Edition von Judgment dabei, die offensichtlichen Schwachstellen – primär die viel zu oberflächlich, gelegentlich sogar zu simpel ausfallenden Ermittlungsparts – zu kitten. Dadurch fungieren diese zwar als willkommenes Mittel gegen jedweden Anflug ermüdender Langeweile, entpuppen sich unterm Strich aber höchstens als nette Dreingabe.


    Der generelle Verzicht auf spielerische Anpassungen jeglicher Art mag mit Blick auf solche marginalen Mängel zwar minimal schmerzen, gestaltet sich dank des weiterhin erstklassig von der Hand gehenden Spielprinzips sowie einer durchweg hohen Unterhaltungs- und Motivationskurve als unwesentliche Problematik. Als Trostpflaster winkt dann immerhin die Inklusion aller bisher veröffentlichter DLCs, wobei der Fokus hier auf schicken Dekorationsgegenständen und hübschen Kleidungsstücken für eure potenziellen Dates liegt.



    Entfesselte Dragon Engine


    Erfreulicherweise beschränkt sich der entwicklungstechnische Stillstand nur auf den spielerischen Aspekt des Next-Gen-Updates von Judgment. Dadurch darf ich mich nämlich nicht nur über eine anschauliche Liste technischer Fortschritte, sondern gleichzeitig auch der damit in Verbindung stehenden Entfesselung des vollen visuellen Potenzials des Yakuza-Spin-Offs freuen.


    Klarer Gewinner ist die von Ryû Ga Gotoku Studio seit Yakuza 6 eingesetzte Dragon Engine, die sich zwar ohne jede Frage als grafische Serien-Revolution bezeichnen durfte, dabei aber von zahlreichen Ketten in Form kaum überwindbarer Hardware-Limitationen im Zaum gehalten wurde. Diese werden nun endlich fulminant gesprengt, die optischen Muskeln somit stolz zur Schau gestellt.


    Kamurochô erstrahlt in völlig neuem Glanz, beeindruckt mit schärferen Texturen, kräftigeren Farben und zusätzlicher Detailverliebtheit. Virtuelle Streifzüge durch die Häuserschluchten der Großstadt fallen somit bedeutend lebendiger, die filmreif in Szene gesetzten Zwischensequenzen noch cineastischer, das traditionelle Mittendrin-Gefühl noch beeindruckender aus. Gepaart mit herrlich stabilen 60fps ergibt sich ein imposantes Gesamtbild, das eine vielversprechende Technik-Zukunft für potenzielle Sequels zeichnet.


    Am Ende meiner Lobeshymnen bin ich allerdings weiterhin nicht angekommen – und dieser Umstand ist dem wahren Highlight, den auf ein Minimum reduzierten Ladezeiten zu verdanken. Zu keinem Augenblick wurde ich durch erzwungenes Warten aus dem Geschehen gerissen, bekam durch den daraus resultierenden optimierten Flow die volle Wucht der phänomenal düsteren Atmosphäre zu spüren. Und wurde nicht nur Beobachter, sondern ein wahrer Teil der unglaublich dichten, da stellenweise erschreckend realen Spielwelt.



    Kostenpflichtige Next-Gen-Detektivarbeit


    Nun mag Judgment mit der vollen Konzentration auf den Grafik-Boost zwar nur einen Bruchteil der Remastered-Klaviatur bespielen, gibt dabei aber ungehemmt ein formidables Solo zum Besten, das mir ein spürbar verbessertes Spielgefühl vermittelt und Yagamis allererstes Abenteuer hiermit in jeglicher Hinsicht auf ein neues Level hebt.


    Logischerweise ein wahrer Traum für Nicht-Kenner, dürfen diese den packenden Action-Thriller doch nun in seiner fast perfekten Form erleben und freuen sich dabei nicht nur über eine Vielzahl glattgebügelter Technikmängel, sondern auch über eine durchgehend packende Handlung sowie einen stattlichen Umfang. Ebenfalls erfreulich: Yakuza-Vorkenntnisse werden nicht benötigt, Judgment markiert also einen optimalen Einstiegspunkt für blutige Anfänger – denen ich ein anschließendes Eintauchen in die Welt von Kazuma Kiryû aber definitiv wärmstens empfehlen möchte!


    Loyale Serienfans und Besitzer der Last-Gen-Fassung werden jedoch mit einem schwer zu ignorierenden Wermutstropfen konfrontiert: Wollen diese nämlich ebenfalls in den Genuss der generalüberholten Ermittlungsarbeit in Kamurochô kommen, muss durch den Verzicht auf ein kostenloses Upgrade erneut ins Portemonnaie gegriffen werden. Ein zunächst ärgerlicher Neukaufzwang, der dank eines vergleichsweise niedrigen Startpreises von 40€ aber immerhin geringfügig entschärft wird.


    Obwohl die Meinungen zu diesem Thema in der Gaming-Community stark auseinandergehen, kann man weder Publisher Sega noch dem Ryu Ga Gotoku Studio verwerfliche Geschäftspraktiken vorwerfen – Vorbesitzer für die überarbeitete Remastered-Edition eines (aus europäischer Sicht) fast zwei Jahre alten Videospiels erneut zur Kasse zu bitten, kommt immerhin kaum einem Verbrechen gleich, fällt sogar eher in die Kategorie gängige Praktik.



    Lohnender Neukauf?


    Während sich die Next-Gen-Politur also zweifelsfrei mit einer lupenreinen Qualitätsweste präsentieren kann, müssen sich Fans schlussendlich die Frage stellen, ob technische Optimierungen allein eine weitere Judgment-Runde, einen erneuten Kauf rechtfertigen.


    Eine allgemeingültige Antwort kann ich gewiss nicht liefern, aber zumindest meine eigene Meinung begründen: Denn ein wiederholter Kamurochô-Trip an der Seite von Takayuki Yagami war für mich trotz meines an der 100-Stunden-Marke kratzenden ersten Durchgangs unverzichtbar, fast schon verpflichtend.


    Dass das Ryu Ga Gotoku Studio am laufenden Band kleine Meisterwerke rausfeuert, dürfte mittlerweile kein Geheimnis mehr sein. Judgment bildete bereits mit der Urfassung keine Ausnahme, pfiff aber passagenweise gefühlt aus dem letzten Loch, konnte die mächtige Dragon Engine kaum stemmen. Eine Problematik, die durch die neue Hardware-Power im Nichts verpufft.


    Anstatt dadurch aber nur einen simplen Augenschmaus auf den Bildschirm zu zaubern, erfährt das Spin-Off einen exzeptionellen Domino-Effekt, eine auf das Gesamtwerk einwirkende Stärkung. Die vielschichtige Handlung wird noch eindringlicher, die actionreichen Kämpfe noch dynamischer, die Tokioter Erkundungszüge noch atmosphärischer – endlich kann Judgment ungebremst die erhoffte Brillanz erreichen.


    Ob sich der Neukauf also lohnt? Mit dem reduzierten Startpreis auf jeden Fall! Immerhin versteckt sich hinter dieser Remastered-Edition keine lieblos dahingeklatschtes und nur mit der Lupe zu erkennendes Mini-Upgrade, sondern eine vollwertige, ungeahnte Kräfte entfesselnde Zellenkur, die nicht nur die enorme Klasse des hervorragenden Entwicklerstudios, sondern zudem das unglaubliche Franchise-Potenzial des Yagami-Debüts unterstreicht.


    [Externes Medium: https://youtu.be/FlLURGxlQmk]


    Fazit


    Auf dem Papier mag die Remastered-Edition von Judgment sicherlich wie ein simpler Next-Gen-Neuanstrich klingen, entpuppt sich in der Praxis allerdings als überragende Weiterentwicklung eines phänomenalen interaktiven Action-Thrillers, der qualitativ spielend leicht mit der Yakuza-Reihe mithalten kann.


    Dank neuer Hardware-Power darf die Dragon Engine endlich einen Technik-Gang höher schalten und verpasst den detailreichen Straßen Kamurochôs damit nicht nur neuen Glanz, sondern mitsamt einer stets stabilen 60fps-Framerate auch eine herrliche Geschmeidigkeit. Gepaart mit kaum existenten Ladezeiten ergibt sich ein völlig neues Spielgefühl, das mich noch tiefer in die wundervoll atmosphärische Welt, die spannende Handlung und den facettenreichen Alltag eines Detektivs eintauchen lässt – und mich trotz eines wiederholten Durchgangs bis zum Abspann gnadenlos fesselt.


    Ausbleibende Gameplay-Verbesserungen sowie der Verzicht auf ein kostenloses Upgrade für Vorbesitzer hinterlassen zwar einen leicht bitteren Nachgeschmack, dennoch handelt es sich bei der PS5-, Xbox Series X|S- und Stadia-Fassung von Judgment definitiv um die ultimative Version des ambitionierten Yakuza-Spin-Offs, das vor allem Nichtkenner des Originals in dieser Form unbedingt erleben müssen. Und sich auch Fans als regelrechter Pflichtneukauf präsentiert.

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